Minden feiert Deutschlands Sprintelite

Der Melitta-Achter „Team Red“ kommt trotz der beeindruckenden Zuschauerkulisse auf dem Wasserstraßenkreuz in der neuen Zusammensetzung noch nicht richtig in Schwung. Foto: ©Denis Roschlau

Die zweite Auflage der Ruder-Bundesliga auf der Alten Fahrt sorgt für Gänsehautmomente am Fließband

Minden (hasemann). Näher dran geht wirklich nicht. Davon konnten sich am vergangenen Samstag mehr als 3000 Mindener und angereiste Fans beim „Melitta-Renntag“ der Ruder-Bundesliga überzeugen. Zum zweiten Mal in Folge richtet der Bessel-Ruder-Club das Event mit mehr als 100 Helfern am Wasserstraßenkreuz aus. Ein Kraftakt der vielen Helfer, ein Kräftemessen der besten Sprintachter in Deutschland, ein wahnsinniger Support der Zuschauer, eine eindrucksvolle Visitenkarte der Wassersportstadt Minden.

Acht Männer, eine Steuerfrau, die Ampel ist Rot, die Ampel springt auf Grün. Und dann gibt es für das „Team Black“ nur noch eines: Mit Vollgas über die 370 Meter-Sprintdistanz der Alten Fahrt. Immer im direkten Schlagabtausch mit dem Gegner auf der anderen Bahn. Man kann sie hören, man kann sie fast spüren und trotzdem: Alle Augen gehören ins Boot, alle Sinne gelten dem Rhythmus, den das Schlaghaus Vinzent Schmitz und Marius Redeker dynamisch vorgeben. Jeder im Boot hat seine Aufgabe, alle zusammen haben nur einen Fokus: Als Erster die Ziellinie zu überqueren. Das gelingt den Männern zum Auftakt mit dem Zeitfahren eindrucksvoll – sie werden an diesem Tag Zeitfahrsieger und setzen damit ein erstes Ausrufezeichen. „Wir haben damit gezeigt, wo unsere Reise hingehen soll bei unserem Heimspiel hier in Minden. Keiner kennt die Strecke und die Bedingungen hier so gut wie wir. Diesen Heimvorteil haben wir im Zeitfahren richtig gut ausgenutzt“, so Trainer Daniel Bredemeier zufrieden bei der Rennbesprechung. Auch im Achtelfinale gegen den Travesprinter aus Lübeck und im Viertelfinale gegen den Ruder-Club Witten Achter lassen die Männer, alles durchweg Mindener Eigengewächse, kein Zweifel an der heutigen Mission aufkommen.

Trotz des leichten Nieselregens füllt sich die Alte Fahrt zusehend und spätestens beim Halbfinale am Nachmittag erleben die Athleten der stärksten Sprintliga der Welt diese besondere Atmosphäre, diese berauschende Stimmung im Zuschauertunnel auf den letzten 150 Metern zum Ziel. „Dieser Rausch, den wir hier in Minden erleben ist etwas ganz Besonderes“, hören wir die Sportler sagen. “Kurz vor dem Ziel verstehst du Worte der Steuerleute nicht mehr. Du wirst getragen von diesem Beifall, diesen Anfeuerungen, diesem Support, den die Mindener durchweg allen Achtern hier zugutekommen lassen“. Dennoch – als das heimische Flaggschiff zum Halbfinale gegen den Münsterachter bläst, da gibt es auf der Brücke kein Halten mehr. „Ich kann den Atem hören, ich kann den Schmerz fühlen, ich kann die Muskeln arbeiten sehen, ich wusste bisher nicht, wie wahnsinnig anstrengend dieser Sport wirklich ist“, resümiert ein Zuschauer aus Krefeld, der zusammen mit einem ganzen Reisebus vom Niederrhein angereist ist. Am Ende reicht es nicht. Gegen die Münsteraner ist an diesem Samstag kein Kraut gewachsen. Die Köpfe hängen im Mindener Boot und trotzdem muss diese eine Niederlage des heutigen Tages ausgeblendet werden. „Es wäre gelogen, wenn wir nicht alles auf Sieg heute gesetzt haben“, so Simon Körner erschöpft. „Aber wir sind es all diesen Zuschauern, unsere Heimatstadt schuldig, dass wir im letzten Rennen nochmal zeigen, was wir können“. Es war somit fast eine Bootslänge, die dem Team Black die Bronzemedaille sichert an diesem besonderen „Melitta-Renntag“ auf dem Wasserstraßenkreuz.

Dass Freud und Leid dicht beieinander liegen, das musste der Frauenachter „Team Red“ bei ihrem Heimspiel leidlich erfahren. Der ganz frische Achter rudert erst seit dem Anfang des Jahres zusammen, nachdem sich in den letzten beiden Jahren ein Generationswechsel angekündigt hat. „Wir sind die Liga-Saurier“, so Rückkehrerin und BRC Geschäftsführerin Alina Sachtleben. „Neben den Krefelderinnen sind wir das einzige Team, das durchgängig seit 11 Jahren besteht. Es war klar, dass wir uns irgendwann neu aufstellen müssen“. So besteht der aktuelle Kader aus einigen Rückkehrern in den Liga-Zirkus, aus ganz jungen Athletinnen und aus Damen, die dem wirklich harten und kontinuierlichem Training schon länger den Rücken gekehrt hatten. „Sprinten ist hart und sehr anstrengend. Einige von uns mussten auch erst einmal wieder eine gute körperliche Basis schaffen, um in das richtige Sprinttraining einsteigen zu können“, beschreibt Team-Kapitän Inken Neppert die Situation. Sie gehört zu der Handvoll an Athletinnen, die im vergangenen Jahr nicht aufgehört haben.

Bereits im Zeitfahren muss das Team Red deutlich Federn lassen. Der 6. Platz im Zeitfahren ist eines der schlechtesten Ergebnisse der letzten Jahre. „Das tut schon weh, denn ich gehöre auch zu denjenigen, die die erfolgreichen Jahre als zweifacher Liga-Champion und Vizemeister mitgemacht haben“, so Rückkehrerin Tanja Hasemann. „Aber es gehört nun mal dazu, den Verein und so ein Konzept auch in schlechten Jahren zu unterstützen und eine Basis für eine Neuformation zu bieten“. Das Viertelfinale bestreiten die Damen gegen denselben Gegner aus dem Zeitfahren. Die Krefelderinnen, die sich in diesem Jahr in sehr guter Form präsentieren, haben hier erneut die Nase vorn. Bei den späteren Bronzemedailliengewinnerinnen des Melitta-Renntags zeigt die Formkurve deutlich nach oben in dieser Saison. Auch sie haben vor zwei Jahren einen kompletten Umbruch hinnehmen müssen und entwickeln sich nun langsam aber sicher wieder zu einer Top-Favoritenrolle analog zu den früheren Jahren.
Den Tiefpunkt des Tages nehmen die Damen mit dem Halbfinale entgegen. „Die Liga-Neulinge aus Bremen waren zwar im Zeitfahren etwas schneller“, so Trainer Christoph Knost bei der Rennbesprechung, „aber das ist ein Gegner, den wir schlagen können und auch müssen“. Leider sollte der Trainer nicht Recht behalten, denn das Rennen wurde bereits bei den Startschlägen verloren. Die Bremerinnen nutzten jeden Meter aus und setzten sich sehr schnell ab. Als dann auch noch Steuerfrau Deborah Thiele in der Mitte des Rennens zusammenbrach und gerade noch in der Lage war, den Achter nicht gegen die Wand zu steuern, war das Ergebnis ohnehin zweitrangig. „Das ist eine ganz, ganz bittere Niederlage. Ein in jeder Hinsicht furchtbares Rennen“.

Doch auch und gerade zu den Stärken eines guten Sportlers gehört es, immer wieder aufzustehen, Niederlagen auszublenden und jeden Wettkampf, jedes Rennen, jede Entscheidung zu der letzten und besten werden zu lassen. Und genau das konnten das Team Red im abschließenden Rennen gegen die Damen aus Waltrop wirklich eindrucksvoll beweisen. Endlich einmal passt es von Beginn an mit dem gemeinsamen Vorschub. Richtung Ziel tragen die Zuschauer ihr Team mit einem gewaltigen Aufgebot an akustischer Unterstützung. Und so ist es im Ziel mehr als eine Länge Vorsprung für das einstige Paradeboot in der Sprintelite der Frauen-Ruder-Bundesliga. Ein versöhnlicher Abschluss, aber auch eine Ansage an die Aufgaben der kommenden Monate und Jahre. „Wir kommen wieder – aber das wird dauern. Einen neuen Achter formiert man eben nicht in ein paar Wochen. Da steckt jahrelange harte Arbeit dahinter. Wir hätten gern unserem tollen Publikum heute mehr gezeigt – wir sind selbst enttäuscht von uns. Das müssen wir auch erst einmal verarbeiten“, sagt Schlagfrau Sylvia Buddenbohm.
In drei Wochen geht es bereits weiter und die besten Sprintachter Deutschlands treffen sich in Hannover auf dem Maschsee zum nächsten Schlagabtausch.

www.melitta-achter.de
Fotos vom Renntag unter www.besselrc.de

Text: Tanja Hasemann

Die Männer vom „Team Black“ sichern sich auf der „Alten Fahrt“ die Bronzemedaille. Foto: ©Maren Derlien/Ruder-Bundesliga